Duale Führung im PBZ Tulln – Warum zwei besser führen als einer
- Jürgen Dostal

- 20. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Nov. 2025
Es gibt Führungskonzepte, die auf dem Papier gut aussehen – und solche, die erst in der Realität zeigen, was in ihnen steckt. Die duale Führung im PBZ Tulln gehört zur zweiten Kategorie. Sie ist nicht bloß die organisatorische Kombination zweier Direktorenrollen, sondern ein lebendiges Arbeitsbündnis, das ein Haus in einer existenziellen Krisenzeit getragen und stabilisiert hat.
Gregor Kopa, Kaufmännischer Direktor, und Alexander Wedekind, Pflegedirektor, führen das PBZ Tulln seit Beginn des Jahres Seite an Seite. Die beiden kommen aus unterschiedlichen beruflichen Welten, sind unterschiedlich lange im Gesundheitsbereich tätig – aber was ihre Zusammenarbeit auszeichnet, ist ein Zusammenspiel aus Vertrauen, Klarheit und wechselseitiger Entlastung.
Das Interview mit Gregor Kopa und Alexander Wedekind wurde von Jürgen Dostal (PROCONSENS.AT) geführt.

Wie zwei Führungskräfte Veränderung persönlich erleben
So professionell und klar die beiden nach außen führen – das vergangene Jahr hat auch sie persönlich geprägt. Beide betonen, dass die Veränderung nicht nur organisatorisch, sondern auch emotional fordernd war. Für Gregor Kopa war die größte Herausforderung, „17 Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten“: mehrere Standorte parallel zu entwickeln, Übersiedlungen zu organisieren, ständig neue Informationen zu verarbeiten – und dabei nie den Überblick zu verlieren. Dazu kam die Tatsache, dass er als neuer Leiter im Land und in der Organisation zunächst Orientierung finden musste. Die duale Führung wurde für ihn zur Stabilisierung: ein Gegenüber, das versteht, das ergänzt, das mitträgt.
Für Alexander Wedekind lag die Herausforderung an einer anderen Stelle: im radikalen Umdenken, das der Wechsel aus der Klinik- in die PBZ-Welt erforderte. Strukturen, die in Kliniken selbstverständlich sind – IT, Kommunikation, Technik – fehlten hier oft völlig. Plötzlich fand er sich in Rollen wieder, die weit außerhalb des klassischen Pflegedirektorenbildes liegen: Geräte aufbauen, technische Infrastruktur organisieren, an allen Ecken kompensieren. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität hat ihn gefordert – aber auch darin bestätigt, dass Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, wo sie gebraucht wird.
Beide beschreiben das Jahr als „müde machend“, aber zugleich als Beweis dafür, dass sie gemeinsam stärker sind als allein.
Abschied vom Einzelkämpfer – eine Führung auf vier Schultern
Was bedeutet duale Führung? Für Alexander Wedekind ist die Antwort klar:
„Für mich bedeutet es, nicht mehr Einzelkämpfer zu sein. Die Last liegt auf zwei Paar Schultern.“
Es geht nicht darum, Aufgaben aufzuteilen wie zwei Ministerien, die in getrennten Schienen agieren. Es geht um die gemeinsame Verantwortung für ein Haus, das 2025 mehr Veränderungen erlebt hat als viele Einrichtungen in einem Jahrzehnt: Fundamentbewegungen, Evakuierungsszenarien, Übersiedlungen an mehrere Standorte, neue Prozesse, neue Abläufe, neue Arbeitsrealitäten.
Dass diese Transformation nicht in Chaos endete, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass Entscheidungen nicht einseitig gefällt werden. Gregor Kopa, der als kaufmännischer Leiter neu ins Land gekommen ist, sieht darin einen wesentlichen Vorteil: „Es ist kein Spaziergang, aber zu zweit ist es einfacher. Ich habe jetzt ein verlässliches Gegenüber, dessen Fachkompetenz ich sehr schätze. Wir gehen gemeinsam in die gleiche Richtung.“
Trotz dieser besonderen Harmonie betonen beide Direktoren ausdrücklich, dass duale Führung nicht bedeutet, dass früher „alles schlecht“ gewesen wäre. Das PBZ Tulln hat eine lange Geschichte engagierter Führungskräfte und Mitarbeitender, die mit Herz und Professionalität genau jene Basis geschaffen haben, auf der heute weitergebaut werden kann.
Ein Führungsduo, das nicht konkurriert – sondern kooperiert
Gerade im Gesundheitsbereiche ist kollegiale Führung bei Trennung in bis zu drei Bereiche die geübte Praxis. In der Regel werden hier die Interessen der jeweiligen Bereiche vertreten, nicht selten wird auch Konkurrenzdenken gefördert. Wedekind kennt das aus großen Kliniken: getrennte Bereiche (Pflege, medizinisches Personal, Verwaltung), Berufsgruppenlogiken, Revierdenken.
Im PBZ Tulln ist die Realität eine andere.
„Da darf kein Blatt Papier zwischen uns passen.“
sagten die beiden zu Beginn ihrer Zusammenarbeit – und sie leben es bis heute.
Dieses „kein Blatt Papier“ bedeutet:
keine Rivalität
keine Verteidigung von Zuständigkeiten
keine Angst vor Einmischung
keine Schutzbehauptungen
kein Misstrauen
Stattdessen entsteht ein Führungsstil, der von der Belegschaft mit einem Satz beschrieben wurde, der vieles ausdrückt: „Ihr seid wie Zwillingsbrüder.“
Menschlichkeit als Führungsprinzip
Ein echtes Führungsduo funktioniert nicht nur in Excel-Tabellen, sondern in Emotionen, Belastungen und Alltagssituationen. Das spürt man im Gespräch mit beiden.
Wedekind formuliert es offen:
„Ich freue mich, wenn Gregor da ist. Auch wir stehen unter großem Druck, und wenn wir uns auch mal auskotzen, wird das vom anderen nicht übel genommen.“
Kopa ergänzt:
„Wenn wir gemeinsam an etwas arbeiten, kommt etwas Gutes heraus.“
Hier entsteht eine Führung, die nicht distanziert, sondern nahbar ist. Die miteinander lacht und miteinander aushält. Die einander schützt, statt zu kontrollieren.
Und das ist entscheidend: Denn 2025 war ein Jahr, in dem die beiden Führungskräfte genauso verunsichert waren wie die eigenen Mitarbeitenden. Wer in einer solchen Zeit keinen vertrauensvollen Partner hat, kämpft auf verlorenem Posten.
Vertrauen statt Territorien – wie eine neue Kultur beginnt
Dass diese duale Führung trägt, zeigt sich nicht nur im Miteinander der beiden Direktoren, sondern in der Wirkung nach innen. Mitarbeitende erleben kein Auseinanderdriften von Pflege und Verwaltung, sondern ein gemeinsames Ziel:
beste Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner als oberste Prämisse
klare Prozesse
menschliche Führung
kein Bereichsdenken
Kopa sagt es so: „Wir sind keine zwei Parteien. Wir haben unterschiedliche Aufgaben, aber dasselbe Ziel.“ Dieses gemeinsame Ziel schafft die Basis dafür, dass das Haus in herausfordernden Zeiten nicht auseinandergebrochen ist – sondern zusammengestanden hat.
Warum diese Form der Führung Zukunft hat
Duale Führung ist für viele Organisationen ein abstraktes Modell. Im PBZ Tulln ist sie gelebte Realität – und hat sich im größten Stresstest bewährt.
Sie hat:
Resilienz geschaffen
gegenseitige Entlastung ermöglicht
Transparenz gestärkt
Vertrauen aufgebaut
die Teams ermutigt
Silos verhindert
Und: Sie hat gezeigt, wie moderne Führung heute funktionieren kann – nicht als Chef-Duo, sondern als Partnerschaft.
Wenn das PBZ Tulln in den kommenden Jahren eines der modernsten Pflegezentren Österreichs aufbauen wird, dann wird diese Führungskultur ein zentraler Baustein dafür sein, dass aus einem Neubau ein neues Zuhause wird.

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