Neustart – warum die Werkstätte im PSBZ Tulln mehr ist als ein Arbeitsplatz
- 20. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Nach dem Hochwasser im Herbst 2024 musste das PSBZ Tulln nicht nur seine Bewohner auf mehrere Standorte verteilen. Auch die bisherigen Werkstätten und das Café Eulenspiegel, einst Herzstück der Begegnung, konnten nicht weitergeführt werden. Heute entstehen neue Strukturen – provisorisch, beengt, aber getragen von Engagement und einer bemerkenswerten Haltung.
Als ich mit Isabella Kerschner und Yvonne Behounek spreche, wird schnell klar: Es geht hier nicht einfach um eine Werkstätte. Es geht um Beziehungen, um Struktur, um Würde – und um einen Ort, der für viele Menschen weit mehr bedeutet als Beschäftigung.

Ein Ort, der Menschen sichtbar macht
Isabella Kerschner leitet die Werkstätte seit 2020. Ihre Motivation beschreibt sie klar:
„Psychisch beeinträchtigte Menschen finden in unserer Gesellschaft oft noch immer keinen echten Platz.“
Die Werkstätte versteht sie als bewussten Gegenpol dazu.
Was hier geschieht, ist weit mehr als Beschäftigung. Es geht um Tagesstruktur, um soziale Einbindung und um das Erleben von Sinn. Bewohner finden hier einen klaren Rahmen: Arbeiten getrennt vom Wohnen, eingebettet in ein Gruppensetting, das soziale Kompetenzen stärkt und Zugehörigkeit ermöglicht.
Dabei wird schnell deutlich: Die Bedürfnisse unterscheiden sich nicht von jenen anderer Menschen. „Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und nach einer sinnvollen Tätigkeit“, bringt es Isabella auf den Punkt. Genau das macht die Arbeit der Werkstätte so wesentlich – sie schafft Normalität in einem Umfeld, das oft von Ausgrenzung geprägt ist.
Beziehung als Grundlage – und als Geschenk
Auch Yvonne Behounek, stellvertretende Leiterin, beschreibt ihre Motivation nicht über Aufgaben, sondern über Begegnung.
„Es ist einfach schön, wenn man in die Arbeit kommt und die Bewohner freuen sich, wenn man da ist.“
Was hier entsteht, sind Beziehungen – bewusst gestaltet, mit professioneller Distanz, aber getragen von Vertrauen. Ohne diese Beziehungsarbeit würde vieles nicht funktionieren. Gerade bei Menschen mit psychischen Erkrankungen braucht es Zeit, Geduld und Verlässlichkeit, bis sich jemand öffnet.
Diese Beziehungen sind keine Einbahnstraße. Beide sprechen von dem, was sie selbst zurückbekommen. Es ist diese wechselseitige Erfahrung, die die Arbeit prägt – und die sie so besonders macht.
Was verloren ging – und warum es fehlt
Vor dem Hochwasser war die Werkstätte mehr als ein interner Bereich. Sie war offen nach außen. Drei Werkstätten, ein eigenes Gebäude und das Café Eulenspiegel bildeten einen lebendigen Treffpunkt.
Hier kamen Menschen aus der Region zusammen, tranken Kaffee, kamen ins Gespräch. Bewohner übernahmen Aufgaben im Cafébetrieb, arbeiteten im Service, verdienten sich etwas dazu. Es war ein Stück gelebter Alltag – und vor allem: ein Ort der Wertschätzung.
Besonders die Märkte hatten eine große Bedeutung. Dort verkauften die Bewohner ihre selbst gefertigten Produkte – Keramik, Kunsthandwerk, individuelle Stücke.
„Die Bewohner haben die Werkstücke selbst verkauft. Das war eine riesige Wertschätzung“,
erinnert sich Isabella. Diese Form der unmittelbaren Rückmeldung fehlt heute. Zwar werden noch Restbestände verkauft, doch ohne direkte Einbindung der Bewohner. Damit geht ein wesentlicher Teil verloren: das Erleben, gesehen zu werden.
Arbeiten auf engem Raum
Heute befinden sich die Werkstätten in ehemaligen Wohnbereichen. Zwei Räume, begrenzter Platz, improvisierte Lagerlösungen. Materialien, die früher im Keller untergebracht waren, stehen nun direkt in den Arbeitsräumen.
Die Bedingungen sind spürbar schwieriger geworden. Nicht nur organisatorisch, sondern auch im täglichen Miteinander. Enge Räume bedeuten auch mehr Reibung. „Da ist jetzt die Herausforderung, wie man das managt, damit es zu keiner Eskalation kommt“, beschreibt Yvonne die Situation offen.
Trotzdem: Die Werkstätte lebt wieder. Es wird wieder gearbeitet, gestaltet, strukturiert. Ein Schritt nach vorne – auch wenn er noch weit vom ursprünglichen Zustand entfernt ist.
Dankbarkeit in einer herausfordernden Zeit
Was in diesem Gespräch besonders auffällt, ist die Haltung der beiden Kolleginnen. Neben aller Klarheit über die Schwierigkeiten ist da vor allem eines: Dankbarkeit.
Yvonne hebt hervor, wie stabil das Team durch die herausfordernde Zeit gegangen ist. „Dass das Team der Werkstätte so zusammengehalten hat, ist nicht selbstverständlich.“
Isabella ergänzt: „Ich bin dankbar, dass wir jetzt wieder eine Möglichkeit haben, Werkstatttätigkeiten anzubieten. Es ist nicht wie früher, aber es ist ein Schritt nach vorne.“
Diese Dankbarkeit richtet sich nicht nur nach innen. Beide erwähnen auch die Unterstützung durch die Leitung – insbesondere der Direktion, die immer ein offenes Ohr hatte.
Blick nach vorne – klare Wünsche
Wenn es um die Zukunft geht, sind die Wünsche überraschend klar – und gleichzeitig bescheiden. Es geht nicht um neue Konzepte oder radikale Veränderungen. Es geht darum, das wieder zu ermöglichen, was sich bereits bewährt hat.
Ein eigener Bereich für die Werkstätte, getrennt vom Wohnen. Ausreichend große und gut ausgestattete Räume. Eine funktionierende Küche. Und vor allem: wieder ein Ort der Begegnung – auch für Menschen von außen.
Denn die Werkstätte soll wieder sichtbar werden. Für Bewohner anderer Standorte, für Angehörige, für die Region. Als offener Raum, der verbindet.
Auch die Feste und gemeinsamen Aktivitäten sollen zurückkehren: Märkte, Feiern, Ausflüge. Dinge, die Struktur geben – und gleichzeitig Lebensfreude ermöglichen.
„Wir kommen zurück“
Am Ende des Gesprächs stelle ich die Frage, was sie den Menschen sagen möchten, die früher ins Café Eulenspiegel gekommen sind und heute keinen Kontakt mehr haben.
Die Antwort kommt ohne Zögern: „Wir kommen zurück.“
Es ist ein einfacher Satz. Und doch steckt darin alles, was dieses Gespräch ausmacht: Zuversicht, Haltung und der klare Wille, diesen Ort wieder zu dem zu machen, was er einmal war.
Bis dahin bleibt die Werkstätte ein Ort im Übergang. Nicht perfekt, nicht vollständig – aber getragen von Menschen, die wissen, warum sie tun, was sie tun.
Und genau das macht den Unterschied.
Das Interview wurde am 9. April von Jürgen Dostal, Proconsens.at,, geführt.

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