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Wir alle benötigen Struktur & ein kleines Stück Gemütlichkeit

Aktualisiert: 7. Nov. 2025

Ein Gespräch mit Rosalie Gürtler, Konditorin im PBZ Tulln, die sich verabschiedet.


Wenn man an ein Pflege- und Betreuungszentrum denkt, fallen einem zuerst Pflege, Betreuung und medizinische Versorgung ein. Doch es gibt Menschen im Hintergrund, die den Alltag wärmer, menschlicher und oft auch süßer machen. Eine von ihnen ist Rosalie Gürtler, Konditorin im PBZ Tulln. Zwei Jahre lang hat sie Bewohner:innen, Mitarbeitende und Gäste mit ihren Kreationen verwöhnt. Nun verabschiedet sie sich und wechselt ihren Arbeitsplatz – aus familiären Gründen, aber auch, weil sie ihre Zeit besser nutzen möchte.


Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg in die Konditorei, von den Veränderungen, die das Team in den letzten Jahren erlebt hat, und von ihrer Überzeugung, dass Struktur für alle entscheidend ist – egal ob in der Küche, in der Pflege oder in der Führung. Außerdem spricht sie darüber, warum ein Stück Kuchen für ältere Menschen oft viel mehr ist als eine Nachspeise. Das Interview mit Rosalie Gürtler wurde bereits vor zwei Wochen von Jürgen Dostal (JD, PROCONSENS.AT) geführt.


Rosalie Gürtler: "Ich brauche Struktur – und ich glaube, das brauchen wir alle."
Rosalie Gürtler: "Ich brauche Struktur – und ich glaube, das brauchen wir alle."

Vom Kochtopf zur Zuckerbäckerei

JD: Rosalie – ein wunderschöner Name. Passt perfekt zu einer Zuckerbäckerin. Wie bist du eigentlich Konditorin geworden?

Rosalie Gürtler: Ich habe ursprünglich Koch gelernt. Aber mich hat immer das Süße und Kreative mehr interessiert. Also bin ich nach Wien gegangen, um mehr über Desserts und Milchspeisen zu lernen. Dort habe ich dann den Weg in die Konditorei gefunden.

JD:  Bist du privat eine Naschkatze?

Rosalie: (lacht) Gar nicht so sehr. Ich mag Schokolade, aber ich bin nicht süchtig nach Süßem. Viele denken ja, wer in der Konditorei arbeitet, isst den ganzen Tag Kuchen. Das stimmt so nicht.


Kreativität, die begeistert

JD: Du hast hier im PBZ sogar eine eigene Torte entwickelt – die Rosenheim-Torte. Bist du jemand, der andere begeistern will, oder bist du vor allem selbst begeistert von deiner Arbeit?

Rosalie: Beides. Ich liebe es, kreativ zu sein und Neues zu gestalten. Als ich hierher kam, dachte ich mir: Jede Konditorei hat ihre Hausspezialität, warum nicht auch wir? Mein Küchenchef hat mir viel Freiheit gelassen, und die Direktion hat mich unterstützt. So konnte ich Neues ausprobieren – und sogar beim Zuckerbäckerball teilnehmen.

JD:  Dort hast du ja sogar einen Preis gewonnen, stimmt’s?

Rosalie: Ja, ich habe den dritten Platz geholt. Beim Zuckerbäckerball gibt es jedes Jahr ein anderes Thema. Einmal war es Unterwasser, da habe ich eine große Krake aus Schokolade gemacht, und im Jahr darauf Dschungel mit Tiger und Affen. Das hat richtig Spaß gemacht – und das Haus hat mich komplett unterstützt: Material, Zeit, alles.

Interviewer: Das klingt nach viel Vertrauen.

Rosalie: Ja, und das hat mir sehr viel bedeutet. Gerade in einem großen Betrieb wie hier ist es nicht selbstverständlich, dass man als einzelne Mitarbeiterin so viel Gestaltungsfreiheit bekommt.


Kaffeehauskultur im Pflegeheim

JD:  Deine Torten und Mehlspeisen landen nicht nur in der Küche, sondern auch im Caféhaus des PBZ. Welche Bedeutung hat das für dich?

Rosalie: Es ist schön zu wissen, dass meine Kreationen so gut ankommen. Ich selbst bin zwar fast nur in der Küche, aber die Kolleginnen im Caféhaus erzählen mir immer, wie beliebt die Kuchen sind. Manche Gäste kommen sogar extra nur wegen der Mehlspeisen, obwohl sie gar keine Angehörigen hier haben. Das freut mich natürlich.

JD:  Welche Rolle spielen Kaffee und Kuchen für die Menschen hier?

Rosalie: Ich glaube, sie sind ein Stück Wohlgefühl und Normalität. Menschen setzen sich zusammen, reden miteinander, genießen einen Kaffee – das ist ein Stück österreichische Kaffeehauskultur mitten im Pflegeheim. Es entschleunigt, schafft Begegnung und gibt ein gutes Gefühl. Gerade für Angehörige ist es oft der Moment, in dem man in Ruhe reden und einfach da sein kann.


Süßes als Schlüssel zu Erinnerungen und Lebensfreude

JD:  Oft heißt es: Zucker ist ungesund. Aber was kann Süßes im Pflegeheim bewirken?

Rosalie: Sehr viel. Ein Dessert ist nicht nur Nahrung – es ist Emotion und Erinnerung. Der Geschmack von Schokolade, Vanille oder frischem Apfelstrudel kann Glücksgefühle auslösen. Manche erinnern sich an ihre Kindheit, an Feste, an das, was ihre Mutter oder Großmutter gebacken hat. Dieses Gefühl von Zuhause, von Geborgenheit, ist für ältere Menschen unheimlich wertvoll.

JD: Also mehr als Kalorien?

Rosalie: Ja. Gerade im Alter, wenn vieles unberechenbar wird, geben kleine Rituale Sicherheit. Wenn es sonntags Kuchen gibt oder Weihnachten Vanillekipferl, fühlt sich das vertraut an. Das kann Trost spenden, Freude bringen und auch Gespräche anregen. Essen – besonders Süßes – aktiviert Erinnerungen, weil Geruch und Geschmack sehr stark mit Emotionen verknüpft sind.

JD:  Also hat ein Stück Kuchen eine psychologische Wirkung.

Rosalie: Genau. Manchmal reicht schon der Duft, um ein Lächeln hervorzurufen. Und wenn Bewohner:innen dann sagen „So hat es früher bei uns zu Hause gerochen“, ist das ein ganz besonderer Moment.


Veränderungen und Verunsicherung

Interviewer: In den letzten Monaten gab es viele Veränderungen im PBZ. Wie hat das die Küche erlebt?

Rosalie: Es war eine unruhige Zeit. Unser Küchenchef ist gegangen, eine Kollegin auch, jetzt gehe ich. Es gab viele Unsicherheiten – etwa wegen der geplanten Küchensanierung. Erst hieß es, sie kommt fix. Es wurde geplant, Arbeitszeiten neu organisiert, sogar Geräte wurden abgebaut und neu aufgebaut. Dann kam plötzlich die Nachricht: Doch nicht.

JD:  Das klingt frustrierend.

Rosalie: Ja, sehr. Man freut sich, plant, und plötzlich wird alles zurückgenommen. Dazu kam das Thema, ob das Gebäude bleibt oder nicht. Mal hieß es: Abriss, mal nicht. Dieses Hin und Her macht etwas mit Menschen. Manche Kolleginnen wurden richtig nervös, eine konnte kaum noch schlafen, weil sie sich so viele Gedanken gemacht hat. Es gab sogar Existenzängste, obwohl wir eigentlich wussten, dass wir die Arbeit behalten würden. Aber wenn man ständig nur hört „vielleicht, eventuell“, fühlt man sich unsicher.


„Ich brauche Struktur – und ich glaube, das brauchen wir alle. Ob in der Küche, im Büro oder in der Geschäftsführung: Wenn wir wissen, woran wir sind, können wir planen, uns sicher fühlen und gute Arbeit leisten.“

„Wir alle benötigen Struktur“

JD:  Warum ist Struktur so wichtig?

Rosalie: Weil wir planen müssen. Ich zum Beispiel habe ein Kind, das gerade in die Schule gekommen ist. Ich muss wissen, wann ich ihn abholen kann, wie ich meinen Alltag organisiere. Und ich glaube, das geht allen so – egal ob in der Küche, in der Pflege oder in der Führung. Wir alle brauchen Struktur, um uns sicher zu fühlen. Wenn immer nur „vielleicht“ gesagt wird, kann man nichts planen, und das verunsichert.

JD:  Ein wichtiger Gedanke – der auch für die Geschäftsführung interessant ist. Denn selbst dort wünschen sich Menschen klare Strukturen.

Rosalie: Genau. Es hilft allen, wenn man weiß, woran man ist.


Abschied mit Apfelstreusel

JD:  Du gehst jetzt – was wird deine „Abschiedstorte“?

Rosalie: (lacht) Wahrscheinlich Apfelstreusel, der kommt immer gut an. Und meine Brownies lieben die Leute auch.

JD:  Du wechselst nach Herzogenburg. Warum?

Rosalie: Hauptsächlich wegen der Familie. Ich habe gemerkt, wie viel Zeit ich im Auto verbringe. Zwei Stunden pro Tag pendeln – das ist verlorene Zeit mit meinem kleinen Sohn. Er ist noch klein, und ich möchte diese Zeit nutzen.

JD:  Was wünschst du deinen Kolleginnen hier?

Rosalie: Durchhalten. Es gab viele Veränderungen, und es wird sicher noch welche geben. Aber ich wünsche allen, dass sie gut durch diese Phase kommen und im neuen Haus wieder Stabilität finden. Ich habe hier Freundschaften geschlossen und viel Unterstützung erfahren – das wünsche ich ihnen auch.


Ein Stück Gemütlichkeit – und ein Plädoyer für Planbarkeit

Rosalie Gürtler verlässt das PBZ Tulln nach zwei intensiven Jahren. Sie hat gezeigt, wie viel Leidenschaft, Kreativität und Eigeninitiative bewirken können – wenn man die Freiheit dazu bekommt. Gleichzeitig macht ihre Geschichte deutlich, wie wichtig klare Strukturen und Verlässlichkeit sind, gerade in Zeiten des Wandels.


Ihre Torten haben viele Menschen hier glücklich gemacht – vielleicht weil sie mehr sind als nur Süßspeisen. Sie sind ein kleines Stück Normalität und Gemütlichkeit in einem Umfeld, das oft von Veränderungen und Unsicherheiten geprägt ist. Und sie zeigen, wie Geruch, Geschmack und Erinnerungen gerade für ältere Menschen ein Stück Lebensfreude zurückbringen können.

 
 
 

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