Ein Ort, an dem Trauer Platz hat und Dankbarkeit Ausdruck findet.
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Aktualisiert: vor 12 Stunden
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, verändert sich das Leben der Hinterbliebenen von einem Moment auf den anderen. Vieles, was zuvor selbstverständlich war, verliert seine Ordnung. Gewohnheiten brechen weg, Gespräche verstummen, Entscheidungen lasten plötzlich auf den Hinterbliebenen. Neben Schmerz und Erschöpfung tauchen oft auch ganz praktische Fragen auf. Gerade in dieser ersten Zeit nach dem Verlust brauchen Menschen nicht nur Mitgefühl, sondern auch einen Ort, an dem sie mit ihrer Trauer sein dürfen, ohne sich erklären zu müssen.
Im PBZ Tulln gibt es dafür einen solchen Ort: das Trauercafé. Es entstand auf Initiative von Erika Gößnitzer, einer ehemaligen Mitarbeiterin des Hauses, die sich heute mit großem persönlichem Einsatz ehrenamtlich in der Trauerbegleitung engagiert. Sie leitet das Trauercafé und prägt es mit einer Haltung, die zugleich warmherzig, klar und tief menschlich ist. Wer ihr gegenübersitzt, wird von ihrer positiven und freudigen Art überzeugt, dass das Leben Sinn hat.

Begleitung über den Tod hinaus
Wer mit Frau Gößnitzer spricht, merkt schnell: Für sie endet Begleitung nicht mit dem letzten Atemzug eines Menschen. Gerade die Zeit davor erlebt sie als besonders wertvoll. In der Pflege und im Hospiz entstehen oft intensive Beziehungen zwischen Pflegenden, Patienten und Angehörigen. In dieser Zeit lernen Angehörige, wie sie einem schwer kranken Menschen noch etwas Gutes tun können – durch Nähe, Berührung, Mundpflege oder einfach durch ihr Dasein.
„Es ist so schön zu sehen, wie Angehörige wichtig sind – weil sie dadurch spüren, dass sie für den erkrankten Menschen noch so viel tun können.“
Diese Erfahrung ist für viele Hinterbliebene von großer Bedeutung. Wer in den letzten Tagen noch begleiten und helfen konnte, findet oft leichter einen Weg, mit der Trauer weiterzuleben.
Warum ein Trauercafé notwendig ist
Die Idee für das Trauercafé entstand aus einer Beobachtung: Während der Krankheit werden Angehörige intensiv begleitet. Nach dem Tod endet dieser Kontakt jedoch häufig abrupt. Dabei beginnt für viele Menschen genau dann eine besonders schwierige Phase.
Der Alltag kehrt nicht einfach zurück. Stattdessen wird erst langsam sichtbar, wie sehr der verstorbene Mensch im eigenen Leben fehlt. Viele Betroffene erleben plötzlich eine große Leere: im Haus, im Garten, im Alltag. Routinen, die zuvor selbstverständlich waren, verlieren ihren Sinn.
Oft kommt eine weitere Erfahrung hinzu: Die Umwelt reagiert unsicher. Manche Menschen wissen nicht, was sie sagen sollen. Andere ziehen sich zurück.
„Die Menschen brauchen jemanden, der zuhört. Sie brauchen nicht jemanden, der alles weiß – sondern ein Gegenüber, das da ist.“
Genau dafür wurde das Trauercafé geschaffen.
Ein Ort ohne Druck
Das Trauercafé im PBZ Tulln ist bewusst niederschwellig gestaltet. Es gibt keine Verpflichtung, keine festen Gruppenstrukturen und keinen Druck, etwas sagen zu müssen. Menschen können kommen, zuhören, erzählen oder einfach nur da sein.
Ein besonderer Aspekt ist die persönliche Einladung. Neben Flyern, die im Haus aufliegen, erfolgt häufig eine direkte Ansprache. Viele Menschen brauchen diesen kleinen Anstoß, um den ersten Schritt zu wagen.
Im Trauercafé beginnt jede Begegnung mit einer einfachen Einstiegsrunde. Niemand muss sprechen, aber wer möchte, kann erzählen, wie es ihm gerade geht. Oft entsteht daraus ein Gespräch zwischen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Zuhören als wichtigste Fähigkeit
Für Frau Gößnitzer ist die wichtigste Voraussetzung für Trauerbegleitung nicht Fachwissen, sondern Haltung. Empathie, Ehrlichkeit und vor allem die Fähigkeit zuzuhören stehen im Mittelpunkt.
Denn jeder Mensch erlebt Trauer anders. Niemand kennt die gemeinsame Geschichte eines Paares, einer Familie oder einer Beziehung besser als die Betroffenen selbst.
„Trauer heißt nicht, einen Menschen loslassen zu müssen. Er kann in Verbundenheit weiter Teil meines Lebens bleiben.“
Diese Perspektive entlastet viele Angehörige. Sie zeigt, dass Erinnerung und Verbundenheit ihren Platz behalten dürfen.
Trauer kennt keinen festen Ablauf
Im Gespräch wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen mit Verlust umgehen. Manche beginnen sofort, Dinge wegzuräumen und Ordnung zu schaffen. Andere lassen alles lange unverändert. Manche suchen rasch den Austausch mit anderen, während andere viel Zeit brauchen.
Für Frau Gößnitzer gibt es dabei kein „richtig“ oder „falsch“. Jeder Mensch findet seinen eigenen Weg. Gerade deshalb ist es wichtig, einen Raum zu haben, in dem diese unterschiedlichen Wege respektiert werden.
Ein würdevoller Abschied bleibt in Erinnerung
Besonders berührt Frau Gößnitzer, wie Angehörige über die letzten Stunden eines geliebten Menschen sprechen. Viele berichten mit großer Dankbarkeit davon, wie achtsam Pflegende mit dem Verstorbenen umgehen. Blumen werden arrangiert. Der Verstorbene wird liebevoll hergerichtet. Angehörige bekommen Zeit, sich zu verabschieden.
„Der letzte Blick bleibt in Erinnerung. Darum ist es so wichtig, dass dieser Abschied würdevoll und schön gestaltet wird.“
Solche Momente prägen die Erinnerung oft für viele Jahre. Sie können Trost spenden in einer Zeit, in der vieles ungewiss erscheint.
Ein Ort, der bleiben soll
Für die Zukunft hat Frau Gößnitzer einen einfachen Wunsch: dass das Trauercafé weiterhin ein Ort bleibt, an dem Menschen miteinander sprechen können. Ungezwungen. Ohne Verpflichtung. In einer Atmosphäre des Respekts.
Gleichzeitig hofft sie, dass die positiven Rückmeldungen der Angehörigen auch im Haus für die Mitarbeitenden sichtbar werden. Denn viele Menschen berichten im Trauercafé mit großer Dankbarkeit über die Pflege und Begleitung im PBZ.
Das Trauercafé zeigt, wie viel entstehen kann, wenn fachliche Kompetenz, ehrenamtliches Engagement und Menschlichkeit zusammenkommen. Es bietet einen Raum für Trauer – und gleichzeitig einen vorsichtigen Weg zurück ins Leben.

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