Wenn Worte nicht reichen: Kunsttherapie im PBZ Tulln
- Jürgen Dostal
- 7. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Jan.
Veränderung prägt aktuell den Alltag im PBZ Tulln. Standorte wurden neu geordnet, Vertrautes ist verschwunden, Neues entsteht. In diese Phase fällt auch der Start von Claire Stückelschweiger, die seit November als Kunsttherapeutin im Haus arbeitet. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie sie ihr Ankommen erlebt, warum Vertrauen wichtiger ist als jedes Ergebnis – und was Kunsttherapie eigentlich wirklich ist.
Das Interview mit Claire Stückelschweiger wurde von Jürgen Dostal (PROCONSENS.AT) geführt.

JD: Claire. Zum Beginn wollen wir dich persönlich etwas kennen lernen. Hier drei "schnelle" Fragen zum Einstieg: Farben oder Formen?
Claire Stückelschweiger: Farben.
JD: Struktur geben oder Freiraum lassen?
Claire: Freiraum lassen.
JD: Stille wirken lassen oder ins Gespräch gehen?
Claire: Beides. Stille und Gespräche gehören für mich zusammen. Stille ist auch eine Form von Gespräch. Gerade in der Kunsttherapie ist sie wichtig, weil wir nicht immer über Worte arbeiten, sondern über das Bild.
Ankommen in einer Zeit der Veränderung
JD: Du bist in einer Phase des Umbruchs ins PBZ Tulln gekommen. Wie hast du dein Ankommen erlebt?
Claire: Ich bin nach der großen Übersiedlung gekommen und habe vieles nur aus Erzählungen gekannt. Als ich das erste Mal hier war, habe ich gemerkt:
Es ist ruhig, aber in Bewegung.
Für mein Ankommen war diese Ruhe hilfreich. Ich hatte Zeit, mich einzufinden, und wurde sehr herzlich begleitet. Das hat es mir leicht gemacht, hier Fuß zu fassen.
JD: Veränderung ist für viele Menschen schwierig, gerade im Alter. Begegnet dir das in deiner Arbeit?
Claire: Ja, sehr. Ich habe von Beginn an gefragt, wie es den Bewohnerinnen und Bewohnern mit der Situation geht. Allein schon, dass ich neu bin, ist für viele eine Veränderung. Dazu kommt das Gefühl von Leere, weil Menschen, Räume oder auch Gewohntes fehlen. Mir ist wichtig, das nicht zu übergehen, sondern Raum zu geben, darüber zu sprechen – oder es auch nonverbal auszudrücken.
JD: Wie zeigt sich diese Stimmung konkret?
Claire: Sehr unterschiedlich. Manche kommen gut mit Veränderungen zurecht, andere tun sich schwerer. Man merkt es in Gesprächen, aber auch in kleinen Alltagsdingen. Ein Beispiel sind die Tiere, die früher Teil des Hauses waren. Für manche Bewohnerinnen und Bewohner waren sie Aufgabe, Struktur und Beziehung. Als das weggefallen ist, war das spürbar.
Wie Kunsttherapie wirkt
JD: Wo liegt dein Schwerpunkt in der kunsttherapeutischen Arbeit?
Claire: Ganz klar im Beziehungs- und Vertrauensaufbau. Gegenwärtig arbeite ich ausschließlich eins zu eins. Meine Arbeit ist vollkommen individuell und richtet sich zu hundert Prozent nach dem Menschen.
Kunsttherapie kann nur wirken, wenn Vertrauen da ist.
Viele fragen: „Was ist das überhaupt?“ Dieses Misstrauen nehme ich ernst.
JD: Du arbeitest sowohl im Hospiz als auch im Psychosozialen Betreuungszentrum (PSBZ). Macht das einen Unterschied?
Claire: Die Zeithorizonte sind unterschiedlich, aber der Zugang bleibt gleich. Ich kann nicht einfach in den Lebensraum eines Menschen hineingehen und etwas von ihm wollen. Beziehung benötigt Zeit. Vertrauen entsteht auf beiden Seiten. Wer ist mein Gegenüber? Was ist seine Geschichte? Können wir gemeinsam arbeiten? Diese Fragen stehen immer am Anfang.
JD: Dann lass uns die zentrale Frage klären: Was ist Kunsttherapie?
Claire: Kunsttherapie ist eine Therapieform, die weniger über direkte Sprache funktioniert. Wir arbeiten mit einem dritten Medium – der Kunst. Es geht nicht um ein perfektes Endprodukt. Niemand muss „schön malen“ oder etwas darstellen können. Entscheidend ist der kreative Prozess: Was passiert, während etwas entsteht? Was zeigt sich? Was wird möglich?
Wurzeln in Gugging
JD: Rosenheim und Gugging haben eine besondere kunsttherapeutische Geschichte. Was bedeutet das für dich?
Claire: Das hat für mich große Bedeutung. Gugging ist für mich einer der spannendsten Orte aus kunsttherapeutischer Sicht. Dass das heute im Rosenheim angesiedelte PSBZ hier seinen Ursprung hat, macht meine Arbeit hier besonders.
Ich würde diese Identität gerne wieder stärker sichtbar machen
Dafür braucht es aber klare Rahmenbedingungen und Verständnis für die Arbeit.
JD: Du hast ursprünglich Grafikdesign studiert. Wie passt das zur Kunsttherapie?
Claire: Design arbeitet auf ein Endprodukt hin. Kunsttherapie nicht. Wenn ich hier bin, bin ich ganz im therapeutischen Prozess. Natürlich spürt man, ob jemand eine kreative Affinität hat, aber das ist nicht das Ziel. Wenn etwas entsteht und jemand es zeigen möchte, unterstütze ich das. Aber ich begleite den Menschen – nicht das Werk.
Offenheit in der Zusammenarbeit
JD: Wie erlebst du die Zusammenarbeit im Haus?
Claire: Es ist ein großes Haus mit vielen Berufsgruppen, und ich bin noch dabei, meinen Platz zu finden. Nicht alle verstehen sofort, was Kunsttherapie ist – vor allem, wenn noch nichts „Sichtbares“ entsteht. Aber ich erlebe Offenheit und guten Austausch.
JD: Was wünschst du dir für die kommenden Monate?
Claire: Weiter ankommen, Beziehungen vertiefen, Vertrauen aufbauen. Verstehen, was möglich ist. Und gemeinsam etwas entwickeln – langfristig.
Ein Blick in die Zukunft
JD: Und mit Blick auf das neue Haus: Welche Rolle kann Kunsttherapie spielen?
Claire: Eine große, wenn man sie von Anfang an mitdenkt. Es braucht Räume, die sowohl Rückzug als auch Offenheit ermöglichen. Kunsttherapie muss räumlich und konzeptionell Platz haben, damit sie wirken kann.
JD: Zum Abschluss: Wenn Kunsttherapie ein Bild wäre – wie sähe es aus?
Claire: Kein fixes Bild. Eher ein Prozess. Eine Form, die sich mit der Zeit verändert. Mehrere Ebenen, wie das Leben selbst.
Man kann zurückblicken und sehen, wie man sich entwickelt hat. So verstehe ich Kunsttherapie.
JD: Claire, danke für das Gespräch und die Einblicke.
